Eine humanistische Antwort auf Lukas Helds Plädoyer für eine Feiertagsreform in Luxemburg
Selten verbindet jemand eine längst überfällige Frage mit einem konkreten Vorschlag. Lukas Held hat mit seinem Beitrag „Der leere Feiertag“ beides getan, und das begrüßen wir ausdrücklich. Dass über unseren Feiertagskalender endlich öffentlich diskutiert wird, war überfällig: ein konfessionelles Relikt, dessen sieben katholische Tage einer Gesellschaft gegenüberstehen, die zum Kirchenjahr längst keinen lebendigen Bezug mehr hat. Luxemburg hat den schwierigen Teil der Trennung von Kirche und Staat zwar hinter sich: den weitgehenden Rückzug aus der Kirchenfinanzierung und einen gemeinsamen Werteunterricht. Nur der Kalender blieb bis lang unangetastet.
Helds Plädoyer ist für uns deshalb eine logische Konsequenz — und eine willkommene Einladung. Diese Debatte sollte öffentlich geführt werden: ergebnissoffen und ohne Tabus, im Bewusstsein, dass Feiertage zu kostbar sind, um sie unreflektiert so zu belassen, wie sie sind, nur weil sie anscheinend immer schon so waren oder wir uns fürchten etwas zu ändern, nur weil wir (noch) nicht (vollständig) wissen, wie die Zukunft aussehen könnte.
Held hatte zudem den Mut, ein angreifbares Modell vorzulegen, statt nur anzudeuten — das gibt der Debatte etwas, woran man sich abarbeiten kann. Auch seinen Ausgangsbefund, einen überladenen Mai gefolgt von einer Wüste bis November, teilen wir, wenn man den (katholischen) Feiertag im August – verständlicherweise – übersieht.
Schauen wir uns deshalb seinen Reformvorschlag, aus humanistischer Perspektive, an.
Helds erste Ebene, die fünf „Resonanztage“ des gesamtgesellschaftlichen völligen Stillstands – verankert in universellen astronomischen Wendepunkten, sprich die 2 Äquinoktien und die 2 Sonnenwenden – ist spannend, weil sie das Potential hat etwas Gemeinsames zu stiften: Momente, in der die ganze Gesellschaft zugleich innehält und niemand ein Deutungsmonopol für diese hat. Fünf Tage die uns, über Trennlinien hinaus, als Gesellschaft, und, darüber hinaus, als Menschheit, verbinden. Das Kostbare daran ist nicht der freie Tag des Einzelnen, sondern der geteilte Rhythmus — der gemeinsame Atemzug einer ganzen Gesellschaft, die sich für einen Moment als ein Ganzes erlebt. Ein solcher Stillstand aber wirkt nur, wenn er wirklich allen gilt: Ein Feiertag, an dem die einen ruhen, während die anderen für sie ausliefern, ist kein gemeinsamer und damit gar keiner.
Skeptischer macht uns allerdings der zweite Teil seines Wunsches: dass sich die Gesellschaft an diesen Tagen „als Selbstzweck verausgabt“. Der Staat kann nämlich lediglich Zeit freihalten, nicht Ergriffenheit verordnen — Held nennt das selbst das Paradox seines Vorschlags. Hüten wir uns also vor einer Verwechslung: ein Gefühl per Gesetz zu verordnen, ist stets gescheitert; eine Zeit freizugeben, die die Gesellschaft nach und nach mit eigener Praxis füllt, ist etwas anderes — bescheidener, aber realistischer.
Helds zweite Ebene, die kollektiv festgelegten „Gemeinschaftstage“, ist sein spannendster Gedanke. Das Prinzip begrüßen wir: ein Rahmen, in dem keine Weltanschauung mehr als heimliche Staatsreligion, für alle verbindlich und allen aufgedrückt, behandelt wird. Dadurch würde kein Bekenntnis mehr bevorzugt. Menschen, die sich einer bestimmten Gemeinschaft zugehörig fühlen, könnten deren Feiertage gemeinsam mit anderen Mitgliedern begehen. Ein verlockender und reizvoller Gedanke. Dieser Aufgabe würden wir uns sicherlich als humanistischer Verein nicht entziehen: wir wären bereit, mit unseren bescheidenen Mitteln, hier etwas Sinnvolles anzubieten. Nur Schade, dass der Welthumanistentag so nahe am Nationalfeiertag und an der Sommersonnenwende liegt. Aber wir würden da sicherlich einen anderen, sinnvollen Tag (er)finden und mit Leben füllen.
Hier aber beginnen die Fragen, die Held offenlässt. Wer regelt das? Wer entscheidet, welche Tage der Katalog enthält und wie eine „Gemeinschaft“ überhaupt definiert wird? Darf ich mehreren Gemeinschaften zugleich angehören? Muss ich mich für 4 entscheiden, obwohl ich mich eventuell mehr als 4 zugehörig fühle? Was passiert, wenn ich mich keiner Gemeinschaft zugehörig spüre? Wer kontrolliert, ob ich diese Gemeinschaftstage wirklich in und mit meiner Gemeinschaft verbringe, anstatt daraus persönliche Freizeit zu machen? Wollen wir das überhaupt kontrollieren? Das sind keine unüberwindbaren Fragen, müssen aber geklärt werden.
Helds dritte Ebene, die zwei persönlichen Zeitgutscheine, ist am einfachsten nachzuvollziehen, auch aus humanistischer Sicht. Denn sie traut dem Einzelnen zu, selbst am besten zu wissen, wann er diese Tage am sinnvollsten für sich einsetzt. Wer die Mündigkeit der Person ernst nimmt, kann ihr diese Wahl überlassen. Weil eine gewisse Einbettung des Individuums in seine Gemeinschaften (Ebene 2) und in die Gesellschaft (Ebene 1) vorgesehen ist, können wir diesen Gewinn an persönlicher Freiheit durchaus begrüßen und uns freuen, dass Held nicht vorschlägt, alle Feiertage einfach in zusätzliche Urlaubstage umzuwandeln.
Erschienen am 05/06/2026 im Land.



